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Buchreview

27.02.2011

Nagel - Was kostet die Welt?


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Verlag: Heyne-Verlag |  320 Seiten Seiten  |  Erscheinungsdatum: 27.09.2010 |  Bestellen

 
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Menschen lieben das Fremde.

Für den aufgeschlossenen Reisenden ist selbst ein heimatverliebter und schroffer alter Sack bei einem Besuch in der Mongolei fremd, neu, frisch, aufregend. Der erzählt dann Geschichten über sein Land, von seinen Kulturen und seinen Bräuchen. Neugierig sitze ich ihm gegenüber, lausche und staune. Welch verrückten Feste die Menschen dort auch feiern, so am anderen Ende der Welt. Das jährliche Nationalfest begehen sie traditionell mit Ringkampf, Bogenschießen und Pferderennen. Freaks. Wen es auf Reisen in die entlegenen Gebiete dieses Planeten verschlägt, der ist jedoch weise genug und belegt auch die verrücktesten und abwegigsten Sitten nicht mit vorschnellen Bewertungen. Der Gentleman genießt und schweigt. Deckt sich das Erlebnis nicht mit individuellen Wertvorstellungen, reist er weiter und kehrt nicht zurück. Eine Erfahrung mehr, so einfach ist das - Kultur ist Kultur.
Nur wann ist neu neu? Wie viele Kilometer muss ich reisen, um der Heimat zu entkommen und neue Wege zu beschreiten? In ein anderes Viertel meiner Stadt? In ein anderes Bundesland? Über die Grenze, oder am Besten gleich raus aus Europa? Wann ist fremd fremd und wann ist Heimat wieder Heimat?

Nagel, der musikalische Held meiner Spätjugend, veröffentlichte vor wenigen Monaten ein Buch über das Reisen, mehr noch über die Zeit nach der Rückkehr. Ein Buch über Neugier und Verachtung.

Er schreibt über Gefühle von Menschen, die Pauschalreisen als das MTV des Fernwehs betrachten. Über einen Antihelden, der nicht reist, um seine Heimat zu verlassen. Sondern um zu reisen. Hierzu verprasst er das Geld seines verstorbenen Vaters und fühlt sich wohl und lebendig und unabhängig. Leider entdeckt Antiheld Meise nach seiner Rückkehr schmerzhaft, dass Sehnsucht nicht heilbar ist. In seiner Wahlheimat Berlin findet er nur oberflächlich in sein altes Leben zurück und beschließt einen letzten Trip mit dem letzten Geld. Mit dem Zug in den tiefsten Südwesten Deutschlands, wo Weinberge und Weinkeller und Weingüter das Leben links und rechts der Mosel bestimmen.

Und schon ist es vorbei mit der bewundernden Brille des Reisenden, die allem Fremden einen besonderen Glanz verleiht. Zwischen Kabinett und Spätlese ist jede Neugier unangebracht, stattdessen bestimmen Tradition und Langeweile den Tagesablauf. Meise lässt sich Weinfässer zeigen, Weinsorten erklären und nimmt Kontakt zu weinliebenden Einheimischen auf. Dabei wenig sprechend, viel trinkend und viel denkend wird das Moseltalleben für ihn immer erdrückender, immer unerträglicher die Menschen, die Stille, die Gewohnheiten, das Dorfleben. Höhepunkt seiner Reise ist der Besuch eines örtlichen Weinfestes, auf dem ihm die volle Kraft eben dieses Lebens ins Gesicht schlägt. Was für seine Gastgeber eine völlig normale Wochenendsause darstellt, ist für Meise das Böse schlechthin. Das Übel der Menschheit, versammelt bei schlechter Musik und Dorfproleten, Langweilern und verlogenen Treueschwüren. Souverän großstädtisch rettet er die Situation mit ungesund großen Mengen an Alkohol und dem dezenten Hang zur Eskalation.

nagel_was_kostet_die_welt_fotoDie deutsche Einöde ist weit genug entfernt, um dort völlig fremde Gewohnheiten zu treffen. Um Menschen zu sehen, die wie von einem anderen Planeten sind oder zumindest wie von einem anderen Planeten denken. Aber sie ist doch zu nah, um diese Fremdheit freundlich nickend zu akzeptieren und neugierig dem interessanten Treiben der drolligen Dorfbewohner zu folgen. Das Leben in der Provinz ist prinzipiell alles Andere als schlecht, die Ruhe inspiriert und hilft beim Nachladen der Kräfte. So fährt Meise ja auch äußerst freiwillig in die Gegend um Bernkastel-Kues, Wittlich und Traben-Trarbach. Die landwirtschaftliche Elite des Landes produziert hier fantastischen Wein ebenso wie exzellentes Gemüse, Globalisierung und Amerika sind bloß große Wörter aus der Tagesschau und die "Discothek Müller" mit Leuchtbuchstaben auf dem Flachdach stellt für die Dorfjugend eine ernstzunehmende Anlaufstelle dar. Viele Millionen Menschen leben in Deutschland so ein glückliches Leben fernab der Großstadthektik, schätzen die gute Luft und das Schwätzchen zwischendurch. Das Leben in der Provinz ist somit eine echte Alternative. Nur eben Gott sei Dank nicht die Einzige.

‘Was kostet die Welt’ könnte auch ein ehrlicher Reiseführer für das Moseltal sein. "Anders als Berlin, gell? Ruhiger. Und schöner", so beschreibt der Vater des Gastgebers die Heimat. Meise zweifelt das keine Sekunde an - und doch wäre er wohl an jedem Ort der Welt besser aufgehoben. In der Mongolei zum Beispiel. Ich wäre sofort mit an Bord.


Review von Tobias Freiwald (http://twitter.com/guteaussicht)


Nagel, Was kostet die Welt? - erschienen im September 2010 im Heyne-Verlag. 16,99 Euro.



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