Die Ausreisser - Der Weg zurück, das Buch von Thomas Sonnenburg und Simone Winkelmann zur gleichnamigen Serie auf RTL
Thomas Sonnenburg, studierter Sozialpädagoge und wohl Deutschlands bekanntester Streetworker aus der RTL-Serie „Die Ausreisser, der Weg zurück“ hat nun zusammen mit Simone Winkelmann ein gleichnamiges Buch zu seiner TV Serie veröffentlicht. Auf rund 225 Seiten gibt Sonnenburg Einblicke in sein Arbeitsumfeld als Streetworker mit vielen Tipps zur Erkennung von Krisen, zur Entwicklung von Strategien und möglichem Handeln.
Wie auch in seiner TV-Serie stellt Sonnenburg in seinem Buch in insgesamt 5 Fällen das Leben von obdachlosen Jugendlichen vor. Er beleuchtet ihre Lebensgeschichte, ihre familiären Situationen, ihr soziales Umfeld und berichtet über ihre Ängste und Sehnsüchte, so dass sich der Leser einen Eindruck von der Situation des Jugendlichen verschaffen und sich auch aus verschiedenen Blickwinkeln in diese einfühlen kann. So beispielsweise auch, in die Situation von Jenny aus Suhl, Sonnenburgs erstem vorgestellten Fall. Jenny litt in ihrer Kindheit unter der familiären Situation zu Hause, die geprägt durch den Alkoholismus ihrer Eltern, für sie persönlich irgendwann einfach nicht mehr zu ertragen war. Jenny beginnt ihre „Lösung von Konfliktsituationen“ genau so, wie es ihr ihre Eltern vorgelebt haben, mit dem übermäßigen Genuss von Alkohol. Als die Spannungen zu Hause immer größer werden und sie es schließlich gar nicht mehr aushält, haut sie von zu Hause ab, landet über zahlreiche Umwege schließlich auf den Straßen unserer Hauptstadt, wo sie ihren Freund, genannt „Baki“, einen wesentlich älteren Polen kennen und lieben lernt. Mit ihm gemeinsam zieht sie nun ohne Perspektive durch Berlin, lebt in den Tag hinein, nimmt Alkohol und andere Drogen zu sich, während ihre, mit der Situation hoffnungslos überforderten und vom Alkoholismus gezeichneten Eltern noch überlegen, was nur aus ihrem Wunschkind, der lieben kleinen süßen Jenny geworden ist.
Sonnenburg berichtet auch über seine ersten Treffen und Gespräche mit den Jugendlichen, von seinen eigenen ganz persönlichen Eindrücken und Gedanken. Jenny aus dem ersten Fall, traf er zusammen mit Baki in ihrem „Zuhause auf der Straße“, einem Platz unter einer Brücke. Während Jenny ihm gegenüber recht aufgeschlossen reagierte und neugierig auf ihn zuging, bemerkte er, dass ihr Freund Baki der Szenerie nur durch einen glasigen Schleier folgte und erst durch eine Aufforderung von Jenny lebendig wurde. Leider aber auch so lebendig, dass die Situation zu eskalieren und die erste Kontaktaufnahme zu scheitern drohte, so dass Sonnenberg sich nur langsam und vorsichtig weiter herantasten konnte. Im Anschluss auf die jeweiligen Einblicke in das Leben des Jugendlichen greift Sonnenburg, die aus seiner Sicht größten und belastensten Faktoren der Lebensgeschichte und der jetzigen Situation auf, erläutert diese, insbesondere auch unter dem Aufzeigen der möglichen Risiken und skizziert grob, wie der einzelne Jugendliche auf diese Faktoren mit seinem ihm eigenen Verhalten reagiert hat. Er berichtet ferner über seine eigene Herangehensweise bezüglich der bestehenden jeweiligen Problematik und über seine kleinen und großen Erfolge, aber auch ehrlich glaubhaft über seine Niederlagen.
Eingebettet sind die 5 Fälle der recht unterschiedlichen Jugendlichen in die Erläuterungen Sonnenburgs, wie es überhaupt zu seiner eigenen TV-Serie kam, über die Zusammenarbeit mit RTL, über den groben Verlauf seines eigenen Lebens und seiner Karriere als Streetworker, sowie dem Fazit zur Serie, dem Buch und seiner Arbeit, wobei er mit einer Sammlung deutschlandweiter Hilfe- und Kontaktstellen für Krisensituationen schließt. Interessant sind für den Leser in dieser Einbettung wiederum Sonnenburgs persönliche Gedanken zur TV-Serie, seine eigenen Ängste und Hoffnungen über Zeit der Entstehung hin zur ersten Ausstrahlung, die vom Tod einer seiner ehemaligen Schützlinge überschattet wird. Auch berichtet Sonnenburg über seine eigenen Grenzen und auch über die, der meist staatlichen Hilfssysteme, die heutzutage einfach vielfach überlastet sind.
Das Buch ist nicht nur für diejenigen ansprechend, die sich sowie so schon für das Thema im engeren Sinne interessieren, sondern auch für all diejenigen, die einfach Mal über den eigenen Tellerrand schauen und sich mit den Ursachen von derartigen Problematiken etwas näher auseinandersetzen wollen. Wer meint, er könne mit diesem Buch jedes, vielleicht sogar ein ihm eigenes Problem im Handumdrehen schnell lösen, der irrt. Das Buch zeigt Problematiken und deren mögliche Ursachen auf, macht aber auch sehr deutlich, dass die Arbeit eines Streetworkers meist alles andere als leicht ist und zudem viel Zeit und Geduld in Anspruch nimmt, um überhaupt Vertrauen entwickeln zu können und so eine Basis dafür zu bilden, von der aus man Probleme angehen und den Versuch einer Lösung unternehmen kann. Die einfache Sprachgestaltung inklusive einer recht großen Schrift ermöglicht ein fluchses Lesen, so dass man mit dem Buch einen mal ganz anderen, aber recht interessanten Zeitvertreib hat. Ich hätte mir an ein paar Stellen etwas mehr Tiefgang gewünscht, ein bisschen mehr wissenschaftlich Unterfütterung, die man meines Erachtens auch ohne Probleme hätte einbauen können, ohne dass das Buch gleich den Anstrich einer wissenschaftlichen Abhandlung erhalten hätte, wäre schön gewesen.
Aufgrund des Unterhaltungsfaktors, aber auch wegen der zwar recht einfachen, aber sinnvollen Tipps zur Konfliktlösung hat es aber dennoch 4 Sterne verdient.
VON NESSY












